Moppels intimes Gespräch mit Pepe


Moppel56kg

Ein herzliches Willkommen beim Lesen meiner heutigen, kleinen Geschichte.

Da guckt man heute mit der kalten, feuchten Hundenase aus der Tür und was sieht man? Shitwetter. Aber sowas von…

Ich als Spanier hab für sowas gar kein Verständnis und habe gefragt wo ich mich für diese Sauerei draussen beschweren kann. Und als Antwort kam:
„Nirgendwo.“
„Nirgendwo!?“ was macht man an so einem nassen, kalten, gar nicht richtig hell werdenden Tag?

Mir kam die gloreiche Idee meinen Blutsbruder „Moppel“ in unser geheimes Kellerbüro ein zu laden. Ich hatte es ja schon vor ein paar Tagen hübsch dekoriert
Pepe Kissen zerfleddert

Unser Date war ausgemacht für 14:30 Uhr und wer kam nicht?
Ihr ahnt es. Der Herr Moppel.
„Das fängt ja gut an“, dachte ich, setzte mich auf die Treppe zum Keller und wartete.
Pepe1

Meine Mutter hat mich und meine 9 Geschwister dazu erzogen immer pünktlich zu sein. „Wenn man im Leben nicht pünktlich ist, dann ist das einerseits unhöflich und andererseits verpasst man oft wichtige Dinge. Zum Beispiel wenn Fressen gebracht wird. Wer da zu spät dran ist, der muss sich meistens mit den Brocken ab geben die kein Hund gerne mag“, sagte sie uns immer und immer wieder. Unser Nesthäkchen „Peque“ trödelte fast immer herum und bekam schon an Mamas Milchbar die kärglichste Zitzte. Ich nahm die Worte meiner Mutti immer ernst und so bin ich ein stets pünktlicher Hund geworden.

Dann auf einmal ein Gepolter auf der Treppe zum Keller. Moppel war unüberhörbar im Anmarsch.
„Tach.“ Tach? Begrüßt man so einen spanischen Casanova?
„Buen dia, Moppel“, antwortete ich und machte eine leichte Verbeugung.
Das aber nur um dem Großen zu zeigen dass es eine Sache der Höflichkeit ist nicht wie ein Poltergeist zu einem Treffen zu erscheinen und dann ein einfaches „Tach“ heraus zu donnern.

„Komm, sei nicht so pingelig und lass es uns gemütlich machen“, raunte Moppel und ließ sich auf einigen der „Wölkchen“ nieder die ich aus dem Kissen heraus gezuppelt hatte.
„Du bist eine viertel Stunde zu spät!“ Ich schürzte die Lippen und sah ihn tadelnd an.
„Na und? Was ist schon ne viertel Stunde? Ich lass mich nicht hetzen. Meine Mutter hat uns als Welpen schon gelehrt „Pünktlichkeit ist eine Zier, doch besser geht es ohne ihr.“ Sagte es und schlabberte einen kräftigen Schluck Wasser aus der Schüssel,

Hätte ich Wuschelhaare, ich hätte sie mir nach dieser Aussage gerauft.
So unterschiedlicher Auffassung können Hundemütter sein???

„Und ausserdem…“ er griff in eine kleine Tasche die er um den Hals gehängt hatte und zog mit einem triumphierenden „Tatatataaaa!“ zwei große, getrocknete Schweineohren heraus.
Seine Augen blitzten spitzbübisch auf und er zwinkerte mir zu.
„Auch darum bin ich zu spät gekommen. Ich musste in der Futterküche auf einen günstigen Moment warten, damit ich die beiden Dinger hier mopsen konnte.“

Ein Ohr legte er vor mein Maul, an dem anderen fing er genüsslich an zu kauen. „So einen Diebstahl hätte ich mich nie getraut“, flüsterte ich, als ob uns jemand hätte hören können.
„Ach was“, schmatzte Moppel. Die Tierheimleute sind einiges gewöhnt, wie ich aus sicherer Quelle weiß.
m letzten Jahr starb der Tierheimbürochef und Alleskümmerer „Wulli“ und der war schon ein wahrer Meister in Sachen klauen. Vor ihm waren weder Schweineohren, noch Katzenfutter, weder Wurst und Käse, noch Käsekuchen & Co. sicher. Was sind da schon die beiden Schweineohren dagegen!? Obwohl ich sagen muss, ich übe mich darin ein wenig in Wullis Fußstapfen zu treten und klaue auch so ziemlich alles was mir unter den Rüssel kommt. Bin halt noch etwas ungeschickt, aber Übung macht bekanntlich den Meister.“

Oh jeh, Moppel. In was habe ich mich da eingelassen mit dir Brüderschaft zu schließen!?
Aber er ist ein herzensguter Kerl und deshalb mag ich ihn auch so.

Ich machte es mir dann endlich auch im Wust der vielen, weißen Flocken aus Füllwatte gemütlich und begann ebenfalls an dem Schweineohr zu knabbern. Zu erwähnen sei noch, dass Moppel das seine schon komplett verputzt hatte.

„Sag mal, Moppel“, sagte ich während ich an dem Ohr nuckelte, „ich weiß so gar nichts von dir. Magst du mir nicht mal ein wenig von dir erzählen?“

„Näää!“, raunte Moppel und machte in Anbetracht der Tatsache, dass er sein Schweineohr so schnell vertilgt hatte, einen deftigen Rülpser, was mich ein weiteres Mal innerlich entsetzte. „Meine Mutter hätte mir was hinter die Löffel gegeben, wenn ich das nur einmal gewagt hätte“, dachte ich bei mir.

„Komm, zier dich nicht so“, ermunterte ich Moppel. „Freunde müssen doch möglichst viel voneinander erfahren. Sonst sind es doch keine Freunde.“
„Ich schäme mich“, raunte Moppel und zog verlegen den Kopf nach unten.

„Quatsch. Du brauchst dich doch nicht zu schämen, egal was du für eine Geschichte hast. Wir sind doch Brüder im Geiste und da muss uns sollte man offen miteinander um gehen. Das Schicksal ist nicht immer gnädig und es gibt bei niemandem nur schöne Seiten im Leben. Also komm, Moppel…“

„Aber nur in absoluter Kurzform“, antwortete Moppel, auf einmal sichtlich aufgeregt. „Nur in Kurzform!“

„Ok.Ich lausche.“

Moppel holte gaaaanz tief Luft und fing an, fast ohne Punkt und Komma so schnell zu reden, dass ich ihn kaum verstehen konnte.

„Als junger Hund kam ich zu einer bereits älteren Dame bei der ich es sehr gut hatte die immer mit mir spazieren ging bei der ich auf der Couch liegen durfte die für mich kochte die mir jeden Wunsch von den Augen ab las und deren bester Freund ich war ohne den…“

„STOPP Moppel!“ Du lieber Himmel, du spruuddelst ja wie eine Maschinenpistole. Ich versteh ja kaum was. Mach doch mal langsam!!!

Moppel schaute verlegen drein und kratzte sich am linken Ohr.
„Mein linkes Ohr summt immer wenn ich aufgeregt bin“, meinte er und begann weiter zu erzählen, diesmal allerdings ruhiger und besser artikuliert.

„Mein Frauchen und ich waren eine Einheit und mir ging es gut. Einmal hatte ich einen kleinen Unfall und man musste mir zwei Zehen amputieren. Damals hat Frauchen glaub ich mehr gelitten als ich. Es behinderte und behindert mich in keiner Weise, es fällt halt nur manchen Leuten auf und fragen danach.
Frauchen wurde älter, ich auch und vor allem…. ich wurde dicker und dicker. Das Essen das mir gekocht wurde war deftig und fett und nach und nach wurden meine Rettungsringe um meinen Körper wahre Fettringe.

Mehr und mehr fiel mir das Laufen und sogar das Gehen schwer.
Ich lag meinstens nur herum und wartete auf die nächste Mahlzeit die dann ja auch verässlich kam.
Dann, Anfang letzten Jahres, starb mein Frauchen und ich fiel in ein ganz tiefes Trauerloch. Was sollte ich ohne sie machen? Sie war meine treueste Freundin und beste Köchin der Welt.
„Was wird nur aus mir“, dachte ich unter vielen Tränen die ich vergossen habe.
Vorübergehend wurde ich in einer Hundepension unter gebracht und zum ersten Mal in meinem Leben verließ ich das Haus in dem ich so lange glücklich lebte. Egal wo ich hin kam, egal wer mich an sah, alle, aber ausnahmslos alle Menschen starrten mich an und sagten:“ Du lieber Himmel!“ Oder noch schlimmer:“ Du lieber Himmel, ist der fett!“

Zu meiner Trauer kam noch eine tiefe Depression aus der ich nicht mehr raus kam. Vollwaise, überfettet und heimaltlos. Schlimmer geht es doch gar nicht.
Dann, Ende Mai letzten Jahres, wurde ich in der Hundepension ab geholt.
Ich war entsetzt, weil ich nicht wusste was mit mir geschehen würde.
Meine Welt war komplett aus den Fugen und was noch nie geschehen war, zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich keinen Appetit. Ich bekam keinen Bissen herunter und das war für mich Alarmstufe rot.

Nach einer langen Autofahrt kamen wir in einem Tierheim an.
Das Hundegebell verriet mir, dass da schon etliche Hunde wohnten, also konnte mein Transport ja nicht den Tod bedeuten.
Mit meiner Leibesfülle konnte ich nur aus dem Auto heraus plumpsen und dann lag ich da auf dem Parkplatz wie eine gestrandete Seekuh.

Es dauerte nicht lange, da kamen zwei junge Frauen aus dem Tor und begrüßten mich. Und zwar sehr freundlich. Und sie sagten kein einziges Wort dazu, dass ich fett wie ne Flunder da lag und nicht mehr hoch kam.
„Hallo und willkommen hier im Tierheim Mayen“, sagte die eine junge Frau mit einem offenen, ehrlichen Lächeln. „Du wirst ab jetzt hier bei uns wohnen und du wirst sehen, es ist gar nicht so schlimm wie es sich oft an hört wenn man von einem Tierheim spricht. Bei uns ist es anders als in vielen anderen Heimen. Bei uns sind die Gäste, besser gesagt, unsere Hunde, so gut wie nie ein gesperrt.Viel Freiheit ist für uns wichtig und die wirst auch du haben. Ich habe gehört, dass du „Moppel“ heisst. Also nochmals: Herzlich willkommen Moppel.“

Mühsam rappelte ich mich auf und wurde von der jungen Frau langsam und behutsam ins Tierheim gebracht. Sie und auch nicht die anderen Mitarbeiter erwähnten nicht ein einziges Mal dass ich fett sei. Das brauchten sie auch nicht, ich wusst es ja und schämte mich fast zu Tode, dass ich in den vergangenen Jahren so in mich rein geschaufelt hatte.

Ich wurde in einem warmen, gemütlich ausgestatteten Einzelzimmer ein quartiert und in den folgenden Tagen konnte ich mich in Ruhe ein leben.
Es tat mir gut, dass ich nun keine Existenzangst mehr haben musste, obwohl ich allem und jedem gegenüber skeptisch und unfreundlich war.
Doch die Tierheimmenschen hatten unglaubliche Geduld und nahmen (zum Glück) mein grummelig sein nicht ernst.

1 Woche nach meiner Ankunft, genau am 28.Mai 2018 kam der Tag der Wahrheit in Form einer großen Waage. Du lieber Himmel!
Freundlich wurde ich aufgefordert auf das Ding zu steigen und es war keinerlei Häme in den Gesichtern der beiden Frauen zu sehen, als sie auf die Digitalanzeige schauten und in einer Kartei notierten: 89 Kilo.
In Worten: Neunundachtzig!!
Momo bei Aufnahme

In diesem Moment habe ich mir gewünscht dass der Boden auf geht und ich darin mit meinen fast 90 Kilo komplett darin versinke und verschluckt werde. Doch das geschah natürlich nicht.

Kristina, das war die junge Frau die mich auch so nett in Empfang nahm, beugte sich zu mir hinunter und sagte:“ Das bekommen wir schon wieder hin, Moppel. Ja. Du bringst wirklich enorm viel auf die Waage, aber wenn du mit hilfst, dann wirst du in absehbarer Zeit ein ganz neues Lebensgefühl haben.“
So sagte sie es und ich versprach innerlich aus vollstem Herzen, dass ich mein Bestes dazu tun möchte um ab zu nehmen.“

Moppel trank wieder einen guten Schlabber aus der Schüssel, sah mich an und meinte:“ Jetzt weisst du auch, warum ich nicht gerne von meiner Vergangenheit berichte. Ich schäme mich einfach zu sehr.“

Mir war während seines Berichtes vor Erstaunen das Maul auf gegangen und ich bemerkte es gar nicht.
„Aber Moppel“, sagte ich schließlich,“ich kann das gar nicht glauben! 89 Kilo! Du siehst doch heute fantastisch aus! Ein mächtiger, durchtrainierter Rottweiler wie er nicht schöner sein könnte!“

„Ja“, antwortete er, “ das alles habe ich meinen Tierheimmenschen, einer lieben Gassigängerin und ein bisschen auch meiner Disziplin zu verdanken.
Nach dem Wiegetag gab es dann drei kleine, wohl dosierte Mahlzeiten am Tag. Kein scheußliches Diätfutter, sondern quasi klassisches fdH und viel Bewegung, die mir anfangs sehr, sehr schwer fiel. Länger als 5 Minuten konnte ich nicht gehen, geschweige denn laufen.
Frau R., die sich meiner angenommen hatte, brachte eine Engelsgeduld auf, wenn ich immer wieder keuchend stehen blieb.

Frau R., die sich meiner angenommen hatte, brachte eine Engelsgeduld auf wenn ich immer wieder keuchend stehen blieb. Doch von Woche zu Woche wurde ich aktiver und eines Tages passte mir sogar das tolle, rote Brustgeschirr, das mir anfangs nicht mal über den Kopf ging.

Mein letzter Wiegetag war der 26.Januar, also vor 2 Tagen und was soll ich euch sagen?

Die Digitalanzeige der Waage zeigte…. tatatataaaa….56 Kilogramm!

33 Kilo abgenommen und ein völlig neues Lebensgefühl.
Ich bin ein komplett anderer Hund geworden und strotze nur so vor Energie und Lebenslust.
Heute trage ich stolz mein rotes Brustgeschirr und marschiere locker mit meiner geliebten Frau R. fast täglich 2 Stunden durch Wälder und Felder.
Momo Jan19 3

Das war meine Geschichte bisher, lieber Pepe. Eine sicher nicht alltägliche.
Aber ich bin der Beweis dass man nie die Hoffnung auf ein besseres Leben aufgeben darf.
Zu meinem absoluten Happy End fehlt jetzt nur noch ein eigenes, richtiges Zuhause bei Menschen die mit Rottis Erfahrung haben.
Doch ich möchte, darf und werde nicht undankbar sein.
Wenn es mein Schicksal so will, werde ich eines Tages auch dieses Glück noch erfahren dürfen.“

Es wurde nun sehr still in unserem geheimen Kellerbüro.
Moppel strahlte eine innere Ruhe aus, die sich auf mich übertrug.

„Lass uns für heute auseinander gehen, Moppel“, sagte ich leise.
„Ich danke dir, dass du mir deine Geschichte erzählt hast. Sie schweist uns nun noch mehr zusammen. Als gute Freunde. Ich möchte nun nicht mehr viel reden müssen, sondern diesen besondernen Nachmittag in Stille ausklingen lassen.“

Lächelnd und wissend stand Moppel auf, kam auf mich zu und gab mir einen herzhaften Schmatzer auf meine Stirn.
„Danke dass du mir zu gehört hast. Mein Freund. Mein Freund Pepe! Wir werden uns bald wieder hier treffen.“

Sprach es und stieg die Treppe hinauf mit einer Leichtigkeit die nur ein Hund haben kann, der 33 kg ab genommen und ein neues Lebensgefühl erlangt hat.
„Danke dass du mir zu gehört hast. Mein Freund. Mein Freund Pepe! Wir werden uns bald wieder hier treffen.“

„Danke dass ich dein Freund sein darf, Moppel!“,rief ich ihm hinterher und blieb noch eine ganze Weile still im Flockenwald der Füllwatte sitzen und konnte kaum glauben was ich da eben gehört hatte.

Ja, seine Geschichte wurde hier nun doch sehr lang erzählt, doch jeder einzelne Satz war wichtig. Und wen es interessiert hat, der hat sie auch bis zu Ende gelesen. Da bin ich mir sicher.

Wir hören wieder voneinander, ihr Lieben dort draussen.
Für heute sage ich
buenas noches,
Pepe4
euer nachdenklicher Pepe.

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