Was?


Heute habe ich zu mir gesagt: „Wulli, du musst noch viel lernen und besonders „verstehen“ lernen.“

Momentan weiss ich nämlich nicht was mein Onkel Kim meint wenn er sagt ich möge mich darauf einstellen dass er bald auf eine große Reise ginge.

Natürlich fragte ich was er damit meine, doch er schaute mich nur mit sehr müden Augen an und bat mich jeden Tag eine Stunde Zeit für ihn zu haben.
Und das geht nun schon seit kurz nach Neujahr.

Immer wenn der Tierheimtrubel vorbei war, setzte ich mich zu ihm auf sein Bett und er schaltete den Laptop ein.
Dann rief er die „Onkel Kim“-Briefe auf und jeden Tag las er mir einige vor und zwar vom ersten Brief an.

„Dinah…mit ihr begann alles“, lächelte er und versank offenbar in eine andere Welt.
Ich las und erfuhr mit Onkel Kim von einem nicht unwesentlichen Teil dessen Lebens.

Klar, sog ich die lustigen und manchmal auch traurigen Briefe in mir auf, weil sie so interessant und kurzweilig sind.
Und trotzdem lag eine seltsame Wehmut im Raum.
Onkel Kim war anders als sonst.
Wie nannte ihn vor kurzem Frau S.? Der Helmut Schmitt der Hunde. Das hat mir gefallen, denn genau so souverän wie der große Mann der Menschenpolitik kenne ich „meinen“ Onkel Kim.

Ja, auch in den Brieflesestunden war er wie immer ruhig, ausgeglichen und souverän und trotzdem… ich weiss nicht.
Irgendwie fühlte ich mich eher unwohl, obwohl ich mich doch in seiner Gegenwart eigentlich immer wohl fühle.

Menno. Ich weiss echt nicht mehr was ich denken, fühlen, sagen soll.

„Was ist mit dir, Onkel Kim“, fragte ich immer wieder, doch er las mir weiter seine alten Briefe vor und schien in ihnen versunken zu sein. Mir schien, dass er jedes einzelne Erlebnis noch einmal durchleben würde.

Das Vorlesen war ihm wichtig, das spürte ich und deshalb blieb ich ganz still und lauschte.
Alles war irgendwie anders als sonst. Onkel Kim hat mir schon oft Geschichten erzählt damit ich lernen soll.
Doch wir Hunde sind sensibel und spüren wenn sich etwas Besonderes, wenn sich Veränderungen anbahnen.

Welche Veränderungen stehen bevor? Was ist los?
Meine Höflichkeit dem Grand Senior gegenüber lies mich jedoch weiterhin geduldig zuhören, weil es ihm wichtig war.

Wir lasen vom „Public Viewing“ während der FußballWM, von Purzelbäumen im Frühling, von Gruselmonstern bei Halloween, wobei ein Teilnehmer das Thema verfehlte und als Rotkäppchen erschien :-)

Onkel Kim erzählte von lauen Sommernächten, von seinen diversen kleinen Liebschaften und seiner ganz, ganz großen Liebe: Emma!

Ja, Emma! Immer wieder erwähnte er sie und jedesmal hob er dann seinen Kopf, seine Augen blickten träumerisch ins Nichts, er lächelte und winzig kleine Tränchen suchten ihren Weg über seine mageren Wangenknochen und verloren sich in den Lefzen.

Heute las er mir den Brief von der Silvesterparty vor und lächelte immer wieder.
„Was sind wir für eine tolle Truppe hier im Tierheim, Wulli!“

„Was ist los, Onkel Kim? Sag es mir doch bitte!“

„Geduld, Wulli. Du musst lernen Geduld im und mit dem Leben zu haben!“

Das war vor zwei Stunden. Danach schloss er den Laptop, streichelte fast zärtlich darüber und sagte er sei erschöpft und müsse schlafen.

Sybill hatte heute Tierheimdienst und kümmerte sich liebevoll um den alten Hundemann. Sie schüttelte sein Bett noch einmal auf, bettete ihn darauf und sagte:“ Gute Nacht Onkel Kim. Du bist behütet und kannst in Ruhe schlafen. Alles ist gut.“

Dann schaltete sie das Nachtlicht für ihn ein, schloss leise die Tür und Onkel Kim schlief gleich tief und feste ein.
Sehr nachdenklich zog auch ich mich zurück und auch ich werde mich bald zur Ruhe begeben.

Nie hätte ich gedacht dass ich, Wulli vom Dienstgrad eines Meisterdiebes, einmal so traurig, ohne genau zu wissen warum, ins Körbchen gehen würde. Wahrscheinlich werde ich lange nicht einschlafen können, weil ich viel zu viel an Onkel Kim denken werde.

Was ist los?

Da soll einer die Welt noch verstehen.

Vielleicht weiss ich morgen ja mehr und kann es euch sagen.

Euch allen eine gute Nacht,
euer aller Wulli.

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